Interview: Ilona Christen

Mitte Februar 2006 traf ich mich mit Ilona Christen und ihrem Ehemann in Dubai. Ilona Christen ist vielen durch ihre Talkshow in guter Erinnerung, die von 1993 – 1999 auf RTL lief. 1993 war sie die erste Frau mit einer eigenen Talkshow im Deutschen Fernsehen.

Ilona Christen ist am 31.07.2009 in der Innerschweiz gestorben. (1951 – 2009).

Sie können auf eine 30jährige Karriere in der TV- und Rundfunkarena zurück blicken. Dabei haben Sie bereits vor Beginn ihrer eigenen Talkshow zahlreiche Sendungen moderiert. Meine Karriere begann 1966 – 1969 als Fotografin. 1969 – 1972 habe ich als Film-Cutterin und von 1972 – 1975 als Bildmischerin gearbeitet. Damals bin zwischen dem Saarländischen Rundfunk und dem ZDF hin und her gependelt. Im Jahr 1973 war ich – ebenfalls für den SR – die erste Fernsehansagerin in Deutschland mit Brille. 1982 moderierte ich beim ZDF die „Tele-Illustrierte“ und die „ZDF Info Gesundheit“. Später moderierte ich auch die Kultursendung „ZDF-Städteturnier“ und ab 1986 w?hrend sieben Jahren den „ZDF Fernsehgarten“, was für meine Karriere der große Durchbruch war.

1993 startete Ihre eigene Talkshow „Ilona Christen“ auf RTL, die von ihrer eigenen Firma produziert wurde. In den sieben darauffolgenden Jahren haben Sie 1186 Sendungen moderiert. Wie beurteilen Sie diese Zeit im Rückblick? Die Talkshow-Jahre waren sehr anstrengend. Mein Arbeitstag begann jeweils um 09.00 Uhr und endete eigentlich nie vor Mitternacht. Zu jeder Show wurden durchschnittlich zehn Gäste eingeladen, die jeweils vor Beginn der Sendung zehn Seiten Text über ihr Diskussionsthema abgegeben haben, die wir durcharbeiten mussten. Dabei haben wir an Drehtagen jeweils zwei Shows pro Tag aufgezeichnet. Seit 1982 lebe ich mit meinem Ehemann in der Innerschweiz und da ich aus steuerlichen Gründen maximal 180 Tage im Jahr in Deutschland verbringen darf, musste ich alle Sendungen, Redaktionsgespräche und Sitzungen in dieser kurzen Zeit bewältigen. Als immer mehr Talkshows im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurden, begann der Kampf um die Zuschauerquoten, was zur Folge hatte, dass die Sender immer explosivere Gesprächsthemen abdecken wollten. Ende 1999 habe ich mich komplett aus dem TV-Geschäft zurückgezogen. Genau 30 Jahre lang war ich in der Branche und ab dem Neujahr 2000 wollte ich den ganzen Stress hinter mir lassen und nicht mehr 60 000 km pro Jahr im Auto zurücklegen.

Als Talkshow-Moderatorin waren Sie im Grunde genommen immer in der Schusslinie. Man kann es schließlich nie allen recht machen und die Themen waren so breit gefächert wie die Ansichten des Zuschauerpublikums. Irgendwann hat man sich daran gewöhnt, dass man immer kritisiert wird – egal was man macht. Ich war nie „everybody’s darling“. Die Zuschauer fanden mich entweder gut oder schlecht. Dazwischen gab’s nichts. Damit konnte ich sehr gut leben. Allerdings hat die Presse durch ihre falschen Behauptungen wiederholt Unheil angerichtet, was teilweise auch meiner Familie sehr zugesetzt hat.

Was war für Sie der schlimmste Vorfall in einer Ihrer Talkshows? Es gab eine Sendung zu deren Ende ich gesagt habe: „Wenn das so weitergeht, dann will ich diese Show nicht mehr machen.“ In der besagten Sendefolge hatten wir zwei Freundinnen zu Gast, wobei die eine der anderen gestand, dass sie seit sieben Jahren ein Verhältnis mit ihrem Ehemann hatte, worauf ihre Freundin ihr eine Ohrfeige gab. Im Anschluss daran äußerte sich der Ehemann zu den Gegebenheiten und erklärte seiner Geliebten und seiner Ehefrau vor laufender Kamera, dass er im Grunde genommen schwul sei. Dabei saß sogar deren gemeinsamer, 12jähriger Sohn in einem Raum hinter der Bühne, der daraufhin schreiend raus lief. Wenn ich gewusst hätte, was sein Vater sagen würde, hätte ich es nie zugelassen, dass der Sohn überhaupt mitkommt. Ich war nach der Sendung fix und fertig. Der Sender jedoch freute sich lediglich über die guten Zuschauerquoten. Das waren Ereignisse, die mir schlaflose Nächte bereiteten.

Stimmt es, dass die Gäste bei Talkshows Schauspieler sind? Während meiner Zeit, als die Branche ja noch relativ übersichtlich war, wurde jeder Redakteur sofort entlassen, wenn er nicht echte Gäste zur Show einlud. Damals wurden alle Gäste mit diversen Methoden auf die Authentizität ihrer Geschichte geprüft. Wie das heute gehandhabt wird, kann ich nicht sagen. Aber es ist schon wahr, dass sich ab etwa 1997 ein wahrer „Talkshow-Tourismus“ entwickelt hat, wobei sich die selben Personen bei allen möglichen Talkshows zu unterschiedlichsten Themen angemeldet haben. Da kam es schon vor, dass man Unterlagen von Leuten in der Hand hielt, die man zuvor bereits in anderen Sendungen gesehen hat. Für diese Leute war es ein guter finanzieller Zustupf, zumal unter ihnen viele arbeitslos waren. All diese Umstände haben dazu beigetragen, dass ich mich von der Branche verabschiedet habe.

Schauen Sie sich heute noch ab und zu Talkshows an? Nein, überhaupt nicht. Keine Talkshows, keine Koch- oder Reality-Shows und auch keine Familiengerichte oder ähnliche Sendungen. Ich schaue mir im Fernsehen eigentlich nur noch die Nachrichten an und meinen Lieblingssender ARTE.

Ihre Brille hat zweifelsohne Kultstatus. War die Brille Bestandteil Ihrer Strategie? Nein, ganz und gar nicht. Ich bin seit meinem 12. Lebensjahr Brillenträgerin. Ich besitze bis heute sehr viele Brillengestelle, wobei ich 300 Stück bereits verschenkt habe. Eine Strategie in diesem Sinne gab es bei mir nicht. Ich hatte auch nie einen Manager, persönlichen Anwalt oder einen Pressesprecher. Ich habe alles in Eigenregie gehandhabt.

Wer ist Ilona heute? „Ilona heute“ ist 55 Jahre alt, aber nicht weniger laut als früher! Ich habe endlich die Zeit dafür alles das zu machen, was mir Spaß macht. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich es mir nach der 30jährigen intensiven Zeit leisten kann, nicht mehr arbeiten zu müssen. Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich nun seit 2000 ein freies Leben führe und alle Zeit der Welt habe, um die schöneren Aspekte des Lebens zu genießen.

Sie leben nun schon sehr lange mit Ihrem Schweizer Ehemann in der Schweiz und Sie tragen auch einen typisch innerschweizerischen Familiennamen. Wie steht’s um Ihr Schwiizerdütsch? Ich verstehe inzwischen wirklich alles, selbst in den unterschiedlichsten Dialekten. Aber ich spreche nach wie vor Hochdeutsch. Mein Mann und ich sprechen auch Hochdeutsch miteinander. Schweizerdeutsch kommt bei uns eigentlich nur beim Fluchen in Einsatz…Aussprüche wie „Gopfertori nonemal“!

Wie lebt es sich als Deutsche in der Innerschweiz? Ich sag’s mal vorsichtig: „En fremde Fötzel bliibsch immer“! Ab und zu kriegt man den Neid der Leute zu spüren. Ich bin immer „die Deutsche aus dem Fernsehen“, aber wenn immer ich eine Auszeichnung erhielt wie die „Goldene Kamera“ und weitere, dann wurde ich in den Schweizer Medien als Schweizerin gefeiert. Aber im Allgemeinen liebe ich die Schweiz sehr.

Sind Sie zum ersten Mal in Dubai? Nein wir waren schon öfters in Dubai im Urlaub, das erste Mal bereits 1994. Ich hoffe allerdings, dass Dubai angesichts der zahlreichen Megaprojekte seine Idendität nicht verlieren wird. Die Wüste in Dubai ist für mich ein Ort der absoluten Entspannung. Die dortige Stille und Weite sind für mich das Größte.

Was halten Sie von Dubai? Dubai ist wie eine wunderbare, junge und hübsche Frau, die sehr schnell wächst. Sie muss aufpassen, dass sie nicht über ihre langen Beine stolpert…Aber ich könnte mir absolut vorstellen, in der Stadt zu leben.

Werden Sie in Dubai erkannt und angesprochen? Es kommt schon manchmal vor, aber meistens erst, wenn die Leute meine Stimme hören.

Haben Ihre Aufenthalte Ihr Verständnis vom Islam und von der hiesigen Kultur geprägt? Als Tourist bietet einen leider nur sehr selten die Gelegenheit, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Es würde mich freuen, wenn dies öfters der Fall sein könnte.

Zum Abschluss möchten wir Sie noch bitten, die folgenden Sätze zu vervollständigen:

Dubai ist einzigartig, weil………… sich hier Tradition und Moderne verbinden.

Der faszinierendste Ort in der Stadt ist……… das Dubai Museum.

Die Menschen in Dubai sind…….. äußerst höflich und sehr angenehm.

Meine schönste Erinnerung an Dubai …. sind die Muscheln, die ich 1994 bei meinem ersten Urlaub am Strand gesammelt habe.

Meine arabische Lieblingsmahlzeit ist….. alle Gerichte mit Linsen und Hirse.

Das erste arabische Wort, das ich gelernt habe, war…. al-Hamdulillah! (Dank sei Gott)

Eine Aufzeichnung einer „Ilona Christen“ Talkshow kann man hier sehen.

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